Die Ehrfurcht vor Gott und die christliche Nächstenliebe

Zeit für den ersten richtigen Inhalt! Auf los geht’s los!

In der Diskussion um den Entwurf eines neuen Bildungsplanes für Baden-Württemberg haben sich zwei der Gegner des Entwurfs Peter Hauk (Fraktionsvorsitzender der CDU in Baden-Württemberg) im Landtag und Hartmut Steeb (Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz) in der Sendung Nachtcafé des SWR auf die Verfassung des Landes Baden-Württemberg bezogen, in der es heißt:

Die Jugend ist in Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen Nächstenliebe, zur Brüderlichkeit aller Menschen und zur Friedensliebe, in der Liebe zu Volk und Heimat, zu sittlicher und politischer Verantwortlichkeit, zu beruflicher und sozialer Bewährung und zu freiheitlicher demokratischer Gesinnung zu erziehen.

Der Bildungsplan müsse sich demgemäß mehr am sogenannten christlichen Menschenbild orientieren.

Meine Frage dazu: Welches christliche Menschenbild?

Man kann wohl festhalten, dass sich dieses christliche Menschbild in den vergangenen 2000 Jahren stark verändert hat. Wenn ich eine Bibel zur Hand nehme, scheinen Sklaverei, Folter und Todesstrafe damals im Einklang mit dem christlichen Menschenbild gestanden zu haben. Aber geschenkt! Dahin will wohl (fast) niemand mehr zurück.

Deswegen eine Reise in die nicht allzu ferne, aber dafür wesentlich besser dokumentierte, Vergangenheit. Wir schreiben das Jahr 1953 und die verfassunggebende Versammlung des Landes Baden-Württemberg beschloss die Verfassung, aus der ich weiter oben zitiert habe.

Die Erziehung damals muss wohl in perfektem Einklang mit dem damals aktuellen christlichen Menschenbild gestanden haben, sonst hätte es wohl schon damals einen Sturm der Entrüstung gegeben.

Schauen wir uns daher kurz mal an, mit was das christliche Menschenbild des Jahres 1953 keinerlei Schwierigkeiten hatte:

  • Vergewaltigung in der Ehe (strafbar seit 1997, seit 2004 Offizialdelikt)
  • §175 StGB in der von den Nazis verschärften Fassung (durch Bundesverfassungsgericht bestätigt 1957, entschärft 1969, abgeschafft 1994)
  • Beschäftigungsverbot von verheirateten Frauen im öffentlichen Dienst (abgeschafft 1954)
  • Lehrerinnenzölibat [Verbot der Eheschließung für Lehrerinnen] (abgeschafft 1958)
  • Prügelstrafe durch Lehrer_innen (1973 endgültig abgeschafft) und durch Eltern (abgeschafft 1998)
  • Zahlreiche weitere Benachteiligungen von Frauen inner- und außerhalb der Ehe

Dies sind nur einige Beispiele und auch nur solche mit juristischem Hintergrund. Daneben gab es auch zwangsweise Umerziehung von Linkshändern und die Durchführung von geschlechtszuweisenden Operationen bei intersexuellen Kleinkindern mit den daraus folgenden negativen Begleiterscheinungen.

Vielleicht noch ein Satz zu der Gleichberechtigung von Frauen. Der neben dem Grundgesetz erste Schritt zur Gleichberechtigung wurde jahrelang verschleppt und sogar eine durch das Grundgesetz bestimmte Frist ließ man verstreichen, bis man 1957 das Gleichberechtigungsgesetz beschloss. Unter anderem die Kirchen hatten vorher dagegen Stimmung gemacht und vor einer Störung der „ehelichen Ordnung“ gewarnt. (Kommt einem in der aktuellen Debatte irgendwie bekannt vor)

Doch zurück zum christlichen Menschenbild: Wer also, wie die Herren Hauk und Steeb die Verfassung Baden-Württembergs zitiert, der sollte schon dazusagen, ob er was die Bürger- und Menschenrechte angeht, ins Jahr 1953 zurück will! Ich will das jedenfalls nicht! Die Verfassung muss wie jedes Schriftstück interpretiert werden. Dass seit dem Beschluss der Verfassung über 60 Jahre vergangen sind, muss daher bei dieser Interpretation berücksichtigt werden. Mit anderen Worten: Was bedeuten die obigen Zeilen für die Gesellschaft des Jahres 2014? Und wie hat sich der Blick auf diese Verfassung durch die vergangenen 60 Jahre verändert?

Und in Anbetracht der Tatsache, dass die Entwicklung seit 1953 nicht nur in Bezug auf sexuelle und geschlechtliche Identität, sondern z.B. auch und gerade für Frauen zahlreiche Fortschritte gebracht hat, wäre es äußerst hilfreich, wenn auch diese Stellung nehmen würden. Denn es geht auch um deren Rechte!

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